Ein Rückfall zieht Kreise

Rückfallkreise symbolisch

Einen besonderen Gruppenabend bescherte uns Tjard mit seinem Kurzbesuch in Burgdorf. Tjard Jacobs ist Reisesekretär des Blauen Kreuzes und besucht in regelmäßigen Abständen die Gruppen im Norden. Da in diesem Jahr aufgrund der Corona-Pandemie sämtliche Seminare ausgefallen sind, haben wir uns besonders gefreut, dass er bei uns reingeschaut hat.

Unser Treffen gestaltete sich sehr interessant, zumal auch sehr persönliche Anliegen angesprochen wurden – alle hatten mehr oder weniger mit dem Thema Rückfall zu tun. Gehören Rückfälle wirklich zur Suchterkrankung? Was kann ich tun, einem Rückfall vorzubeugen? Und was machen, wenn es tatsächlich passiert ist?

Über all diese Fragen haben wir gesprochen und teilweise gingen die Ansichten der Teilnehmenden dabei weit auseinander. In einem Punkt waren wir uns aber alle einig: Ein Rückfall betrifft zunächst die Person, die sich für den Suchtmittelkonsum entscheidet, aber er zieht Kreise. Das heißt, das Umfeld (Partner, Kinder, Freunde, Kollegen etc.) werden früher oder später mit »reingezogen«. Vergleichbar ist das mit einem Stein, der ins Wasser geworfen wird – Tjard symbolisierte das mit einem Seil (siehe Foto).

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Unser neuer Gruppenleiter ab 2018

Interview mit Matthias Oppermann, ab Januar 2018 Gruppenleiter der Blaukreuzgruppe Burgdorf (Idee & Ausarbeitung: Ilona Alice Bühring)

Matthi, Du lebst schon eine Weile abstinent. Es gibt bekanntermaßen verschiedene Wege aus der Sucht. Wie sah das bei Dir aus?
Matthi: Nach meiner damaligen ersten Entgiftung in einer Fachklinik habe ich gemerkt, dass ich in Bezug auf den Alkohol etwas in meinem Leben verändern muss. Allerdings war ich da noch nicht so weit, mir einzugestehen, dass sich bei mir eine Alkoholabhängigkeit entwickelt hat. Ich war alles – aber kein Alkoholiker! Ich war einfach noch nicht bereit, gänzlich auf den Konsum von Alkohol zu verzichten. Also hatte ich beschlossen, ab sofort »kontrolliert« zu trinken. Ich war der Meinung, dass ICH entscheide, wann, wo, was und vor allem wie viel ich trinke. Aber das war ein Irrglaube. Die Sucht hatte mich schon fest im Griff und nach kurzer Zeit war ich wieder bei meiner üblichen Trinkmenge – und sogar darüber hinaus. Mit Hilfe einiger Personen aus meinem engen Umfeld habe ich dann aber »die Kurve bekommen« und für mich beschlossen, dass mein Leben so nicht weitergehen kann. Ich wollte nicht länger trinken (müssen).

In wiefern hat Dir die Blaukreuzgruppe in Burgdorf dabei geholfen?
Matthi: Zunächst muss ganz klar gesagt werden, dass der regelmäßige Besuch einer Selbsthilfegruppe (SHG) unglaublich wichtig ist. Gerade am Anfang, wenn man beschlossen hat, dass sich etwas ändern muss, hat man ganz unterschiedliche Gedanken und Emotionen. Man schämt sich, fühlt sich als „Versager“, der zum Alkoholiker geworden ist. Man weiß oft gar nicht, wie ein Leben ohne Alkohol funktionieren soll. Unsicherheit und Ängste bestimmen das Denken und Handeln. Das ist völlig normal – immerhin soll so etwas wie ein neuer Lebensabschnitt anbrechen. Nur in einer SHG findet man Menschen, die das nachempfinden können – weil sie es selbst erlebt haben. Die Burgdorfer Gruppe hat mir vom ersten Tag an das Gefühl gegeben, dass ich mich auf dem richtigen Weg befinde. Dass ich es tatsächlich schaffen kann, vom Alkohol loszukommen. Ich hatte neben den beschriebenen Ängsten auch ganz viele Fragen. Die Leute in der Gruppe haben mir damals mit ihren Tipps, aber auch mit ihren Erzählungen aus ihrer persönlichen Vergangenheit unglaublich viel Mut und Hoffnung gegeben.

Ab Januar bist Du der neue Gruppenleiter. Was war für Dich ausschlaggebend, in der Gruppe aktiv mitzuarbeiten?
Matthi: Wie schon gesagt, hat mir die Blaukreuzgruppe damals sehr viel gegeben und mir geholfen, ein abstinentes Leben zu führen. Dafür bin ich sehr dankbar. Ich möchte –  gemeinsam mit den anderen Gruppenmitgliedern – versuchen, mein Wissen und meine Erfahrungen  weiterzugeben und Menschen, die ebenfalls ein Leben ohne Alkohol führen möchten, dabei unterstützen. Außerdem möchte ich versuchen, die hervorragende Arbeit, die mein Vorgänger Gerhard Fauck in fast zwei Jahrzehnten für das Blaue Kreuz und unsere Gruppe geleistet hat, fortzusetzen. Für dieses großartige Engagement sind wir ihm alle sehr dankbar.  

Was erwartet die Besucher, die in die Blaukreuzgruppe in Burgdorf kommen?
Matthi: Wir treffen uns jeden Freitag (auch an Feiertagen) ab 19:30 Uhr in den Räumlichkeiten der Landeskirchlichen Gemeinschaft. Um 20:00 Uhr beginnt die eigentliche Gruppenstunde. Die Teilnehmerzahl liegt bei etwa 10 bis 20 Personen im Alter von 40 bis 75 Jahren. Wir sind eine aufgeschlossene Gruppe, die Besucher und Neuankömmlinge mit offenen Armen aufnimmt. Und auch wenn wir als SHG gewisse Themen mit der nötigen Ernsthaftigkeit behandeln, kommt der Spaß nicht zu kurz. Wir würden uns sehr freuen, wenn ihr bei uns reinschaut – und sei es am Anfang auch nur, um »reinzuschnuppern«. Jeder ist bei uns herzlich willkommen.  
   
Gibt es etwas, das Du Angehörigen und Betroffenen mit auf den Weg geben möchtest?
Matthi:  Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass der Weg aus der Sucht oft sehr lang und steinig ist. Auch Rückschläge gehören leider dazu. Es ist aber nie zu spät, sein Leben zu ändern. Lasst euch nicht entmutigen und macht euch auf den Weg in ein suchtfreies Leben. Es lohnt sich.

Lieber Matthi, herzlichen Dank für das Interview. Am Sonntag, 18. Februar 2018 wird sich die Burgdorfer Blaukreuzgruppe bei der Gemeinschaftsstunde vorstellen. Dabei wird unser langjähriger Gruppenleiter Gerhard Fauck verabschiedet und Matthias Oppermann offiziell als neuer Gruppenleiter bestätigt (IAB).


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Starker Auftritt – Uli Borowka in HannoverMatthias Oppermann und Uli Borowka

Viele von uns wissen, wie schwer es ist, sich selbst die Sucht einzugestehen. Ist diese Hürde geschafft, stellt sich früher oder später die Frage, wie offen gehe ich mit meiner Sucht um. Es ist eine Gratwanderung, die nur die Betroffenen selbst für sich entscheiden können. Oft herrscht große Angst vor beruflichen Nachteilen oder Ansichtsverlust im persönlichen Bereich. Ob diese Angst berechtigt ist, sei dahingestellt, denn oft hat das Umfeld längst bemerkt, dass jemand ein Suchtproblem hat.

Was es heißt, sich als ehemaliger Profi-Fußballer zu seiner Alkoholsucht zu bekennen, haben wir von Uli Borowka aus erster Hand erfahren. Wenn wir schon in unserem eher überschaubaren Radius Probleme haben, uns zu outen, wie soll es dann jemanden ergehen, der im Fokus der Öffentlichkeit steht? Obendrein, wenn jemand über Jahre im Profifußball aktiv war – einer Sparte in der das Zeigen vermeintlicher »Schwäche« einem Offenbarungseid gleichkommt.

Uli Borowka zeigt wahre Stärke, indem er sich offen zu seiner Alkoholkrankheit bekennt. Mehr noch, er macht sich stark für Suchtprävention bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Viele seiner ehemaligen Sportkameraden und Kollegen sehen in ihm einen »Nestbeschmutzer«, weil er die Umgangsweisen im Profisport öffentlich kritisiert. Er nimmt dabei kein Blatt vor den Mund und spricht das aus, was sich manche nur hinter vorgehaltener Hand zu sagen trauen.

Mehr als eine Autorenlesung

So war die Lesung in Hannover, die aufgrund der zahlreichen Besucher in die Kreuzkirche verlegt wurde, weniger eine Vorstellung seines Buches »Volle Pulle«. Uli Borowka erzählte vielmehr ungeschönt von seinem Doppelleben als Profifußballer und Trinker, von den Abgründen des Suffs. Er berichtete über sehr persönliche Erfahrungen auf seinem Weg raus aus der Sucht, von der Therapie und den positiven Veränderungen in seinem Leben, nachdem er den Schritt in die Abstinenz gewagt hatte. Aber er sparte auch die Schattenseiten nicht aus, die Ausgrenzung und anfängliche Zweifel, ob es der richtige Weg ist.
Die Veranstaltung hatte, trotz der zahlreichen Zuhörer, ein wenig die Atmosphäre einer vertrauten Runde – ausdrücklich war es erwünscht, Fragen zu stellen bzw. Feedback zu geben.

»Wem erzähle ich von meiner Sucht?«

… diese Frage stellte sich anfangs auch Uli Borowka. Er hat sich entschieden, seine Geschichte öffentlich zu machen – mit aller Konsequenz. Von Anerkennung bis Verachtung reicht die Palette der Reaktionen. Mit seiner Authentizität macht er sich gewiss nicht nur Freunde, aber als Person des öffentlichen Lebens nutzt er seine Prominenz, um auf eines unserer größten gesellschaftlichen Probleme hinzuweisen. Er ist aktiv, setzt sich ein und macht Mut. Ein dickes Dankeschön für diesen Einsatz!
(Bericht: IAB; Foto: Matthias Oppermann und Uli Borowka)

Zum Weiterlesen, Hintergrund-Informationen:
Website von Uli Borowka

Literatur-Tipp nicht nur für Fußball-Fans:
Volle Pulle: Mein Doppelleben als Fußballprofi und Alkoholiker

Der Trinker Wenn Du einem geretteten Trinker begegnest,
dann begegnest Du einem Helden.
Es lauert in ihm schlafend der Todfeind,
er bleibt behaftet mit seiner Schwäche
und setzt nun seinen Weg fort durch die Welt der Trinkunsitten,
in einer Umgebung, die ihn nicht versteht,
in einer Gesellschaft, die sich berechtigt hält,
in jämmerlicher Unwissenheit auf ihn herabzuschauen
als auf einen Menschen zweiter Klasse,
weil er es wagt, gegen den Alkoholstrom zu schwimmen.
Du sollst wissen: er ist ein Mensch erster Klasse.

(Friedrich von Bodelschwingh, Theologe *1831 – †1910)

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